Wohlfühlen im Büro: Mehr Raum für ein Schwätzchen und viel Grün für das Klima
Von Kai Portmann, Deutsche Presse-Agentur
Der Entscheider schätzt besonders Möglichkeiten zur informellen Kommunikation, eine niedrige Geräuschkulisse, viel Platz und persönliche Gegenstände um sich herum. Der Wissensarbeiter mag es geräumig und möglichst ruhig, hat
gern die Chance zu einem zwanglosen Plausch und legt viel Wert auf natürliche Lichtverhältnisse. Der Sachbearbeiter will mal ein Schwätzchen halten, gestaltet sich gern einen privaten Bereich und schätzt eine repräsentative Ausstattung.
Bei der Assistenz stehen Raumatmosphäre und Platz für informelle Kommunikation hoch im Kurs, Störungen dagegen werden gar nicht geschätzt.
Entscheider, Wissensarbeiter, Sachbearbeiter und Assistenz - alle vier sind Nutzertypen von
Büroarbeitsplätzen und geistige Kinder von Wissenschaftlern des Office Innovation Centers am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Fast 300 Büroarbeiter unterschiedlichster Branchen und Positionen haben
Jens Hofmann und sein Kollege Wilhelm Bauer für eine Studie zum Thema Büro und Büroarbeit («Klassifikationsschema Büro») befragt. Das Ziel: Idealtypische Bürolösungen für unterschiedliche Nutzertypen zu finden. Denn wer im Job
Höchstleistungen vollbringen soll, muss sich wohl fühlen am Schreibtisch. Das Fazit der Studie: «Bei der Ausstattung des Büros gibt es sehr weiche Faktoren, die eine sehr wichtige Rolle spielen», sagt Hofmann. Die aber werden seiner
Ansicht nach in den gängigen Bürokonzepten deutscher Unternehmen vernachlässigt. Hofmann: «Es sind etwa zu wenig Räumlichkeiten vorhanden, um informelle Kommunikation zu pflegen, da gibt es nur die Teeküchen am Ende eines Ganges, die
meistens sehr verraucht sind.»
«Wohlfühl-Qualität im Büro ist kein reiner Selbstzweck»
Was die Nutzer von Büros von ihrem Arbeitsplatz erwarten, darüber hat sich auch Jörg Kelter, ebenfalls Forscher am Office
Innovation Center, Gedanken gemacht. Als Projektleiter der repräsentativen Studie «Soft Success Factors», für die 706 Probanden befragt wurden, kommt der Diplomingenieur zu einem ähnlichen Schluss wie sein Kollege Hofmann: «Um sich alle
Potenziale einer komplexen Büro- und Erlebniswelt zu erschließen, ist es lohnend, weiche Faktoren zu berücksichtigen.» Einen «Leistungsschub durch weiche Faktoren» hält Kelter für realistisch. Denn je attraktiver das Büro und je größer das
Wohlbefinden des Nutzers darin, desto höher ist auch die Produktivität, lautet das Ergebnis der Studie, die Teil des Verbundforschungsprojekts «Office 21» ist. Kelter: «Wohlfühl-Qualität im Büro ist kein reiner Selbstzweck.»
Attraktiv macht ein Büro der Studie «Soft Success Factors» zufolge ein Ambiente, «das eine bewusste Gestaltung erkennen lässt und dabei einen hochwertigen, repräsentativen und gepflegten Eindruck vermittelt.» Was Kelter und seine Kollegen
aufgrund der Umfrage empfehlen: Mut zum Farbeinsatz und Vielfarbigkeit; Verwendung eher warmer Farbtöne und Materialien, Einsatz von Glas, Holz und Textilien (nicht nur als Bodenbelag sondern z.B. auch an vertikalen Flächen); attraktive,
funktionale und ergonomisch hochwertige Möblierungen; Verzicht auf (billig wirkende) Kunststoffe.
Unbedingt erforderlich: Freiräume schaffen, die Arbeitsplätze sorgfältig in Zonen aufteilen, «Optionen zur eigenständigen Steuerung
der Umweltkonditionen vorsehen (Sichtbarkeit, Beleuchtung, Verschattung, Klima, Unruhe usw.).» Eine für die Forscher überraschende und noch nicht tiefer ergründete Erkenntnis aus der Befragung: Fotos der Lieben oder Souvenirs aus dem
Urlaub werden zwar gern auf den Schreibtisch gestellt. Doch: «Die Dekoration und Ausschmückung des Arbeitsplatzes mit persönlichen Dingen hat keinen signifikanten Einfluss auf das Wohlbefinden im Büro.»
Kienbaum-Umfrage: Die kommende Wirtschaftselite will den Schreibtisch im Grünen
In welchem Arbeitsumfeld sich Deutschlands kommende Wirtschaftsführer wohl fühlen, das haben die Kienbaum Executive Consultants und TNS Emnid im
August 2003 ermittelt. Mehr als 150 Top-Nachwuchskräfte wurden unter anderem gefragt, wie denn der optimale Arbeitsplatz für sie auszusehen habe. Die Antworten: 42 Prozent legten Wert auf ein modernes Bürogebäude, 50 Prozent erwarteten
eine perfekte technische Ausstattung - und 60 Prozent wünschten sich «viele Pflanzen» an ihrer zukünftigen beruflichen Wirkungsstätte.
Wird der Gummibaum ein Comeback in deutschen Büros feiern? «Die Innenraumbegrünung in
Bürogebäuden hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt», meint die Raumplanerin und Buchautorin Christine Volm. Immer noch finde man den kleinen Kaktus auf dem Schreibtisch und die Standard-Gefäßbegrünung mit Birkenfeigen. «Neu sind
jedoch abwechslungsreiche Begrünungen in zur Einrichtung passenden, edlen Gefäßen und gartenähnliche Begrünungsflächen, die von den Angestellten wie Freiflächen genutzt werden können.» Die Devise: «Das Klima am Arbeitsplatz verbessern.»
Dass Grünpflanzen das tun, gerade im Winter, wenn die Heizungen auf Hochtouren laufen, belegen zahlreiche Studien. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat in ihrer Broschüre «Wohlbefinden im Büro» die wichtigsten
Ergebnisse internationaler Wissenschaftler zusammengefasst. Untersuchungen aus Norwegen etwa zeigen, dass nach der sinnvollen und fachgerechten Begrünung von Büros die gesundheitlichen Probleme der Beschäftigten deutlich zurückgingen:
Müdigkeit um 30 Prozent, trockener Hals um 30 Prozent, Husten um 37 Prozent und trockene und gereizte Haut um 23 Prozent. Eine deutsche Studie fand heraus, dass - setzt man die Wirkung von Pflanzen im Büro mit dem Wert 100 gleich - auf die
psychischen Wirkungen (Wohlfühlen, Arbeitszufriedenheit etc.) 55 Prozent entfallen, auf die gesundheitsfördernde, raumklimatische Wirkung 30 Prozent, auf Staubreduktion 8, auf Schallreduktion 6 und auf Schadstoffabbau ein Prozent. In
begrünten Büros, so eine weitere Erkenntnis der Forschung, gehen die krankheitsbedingten Ausfalltage um bis zu 3,5 Tage pro Arbeitnehmer zurück.
Solche Argumente überzeugten auch den Autobauer BMW davon, es einmal mit Schreibtischen
im Grünen zu probieren. In einem Münchener Großraumbüro arbeiteten die Beschäftigten für ein Pilotprojekt zwischen dichtem Astwerk und satten Blättern. «Das war ein kleiner Urwald», sagt die zuständige Sicherheitsingenieurin Beate Klug.
Das Ergebnis des Projekts: «Sehr gute Daten!» Doch der Begrünung waren Grenzen gesetzt. Michael Mohrlang, Ergonomie-Fachmann bei BMW: «Das kann man nicht flächendeckend in bestehenden Büros einsetzen.» Denn dadurch falle zuviel
Arbeitsfläche weg. Mit einem zweiten Pilotversuch testen die Münchener nun, ob auch mit reduziertem Grün das Arbeitsklima in den Büros zu verbessern ist. Auch in der Fertigung läuft ein Projekt mit Grünpflanzen («Die hängen da an der
Decke.»). Ein grüner Autokonzern wird BMW aber so schnell nicht werden. Es werde ein langwieriger Prozess, alle Ergebnisse einzuarbeiten, meint Mohrlang: «Es ist nicht so, dass ganz BMW nun umgebaut wird.»
Der Traum vom grünen Büro: «Jetzt fehlt nur noch das Geld»
Dass die grünen Hoffnungen in der Arbeitswelt nicht in den Himmel wachsen, haben auch die Initiatoren der internationalen Initiative Plants for People erfahren, die sich
seit 1989 zur Aufgabe gemacht hat, über die positive Wirkung von Pflanzen am Arbeitsplatz zu informieren. «Wenn ich die Publizität anschaue, ist das Thema in wie selten», sagt Claudia Gölz, Vertreterin von Plants for People in Deutschland.
Doch: «Es klafft noch ein Riesenloch zwischen dem, was man machen könnte und was wirtschaftlich sinnvoll wäre, und der Wirklichkeit.» Gerade in der Konjunkturkrise sei das Anliegen schwer zu vermitteln. Vor sieben oder acht Jahren, so
Gölz, habe die Initiative noch mit sinkenden Krankenständen durch die Begrünung von Arbeitsplätzen argumentiert. «Heute hat jeder so viel Angst, seine Stelle zu verlieren, dass die Krankenstände auch ohne Pflanzen niedrig sind», meint sie.
Auch Raumplanerin Christine Volm hat erfahren, dass nicht nur in Zeiten, in denen der Rotstift in den Unternehmen regiert, die Idee vom grünen Büro kaum Wurzeln schlägt in der Wirtschaft: «Unterm Strich ist die Resonanz noch nicht
da.» Doch Zuversicht, dass aus dem zarten Pflänzchen einmal mehr wird und sich Deutschlands künftige Managerelite dem Traum vom Arbeiten zwischen üppigem Grün erfüllen kann, hat sie durchaus. «Das Wissen und das Potenzial sind da, jetzt
fehlt nur noch das Geld», sagt die Expertin für Innenraumbegrünung. Früher sei das genau andersherum gewesen. «So, wie es jetzt ist, ist es mir lieber. Denn irgendwann kommt auch wieder das Geld.»
dpa kp ma
Buch:
Christine Volm, Innenraumbegrünung in Theorie und Praxis, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim), 2002.
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